Country Music & Irische Wurzeln

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    Axel Koehler

    Sehr geehrter Herr Quinn,

    wie leer ist das deutsche Fernsehen ohne Sie! Ich bin mit Ihren Country-Sendungen aufgewachsen, das hat mich nachhaltig geprägt – ich liebe Country noch heute sehr (und ich bin ja auch ein Landei aus Oberhessen, mit einem Fuß im Vogelsberg, und dem anderen Fuß im Westerwald-Ausläufer Lahn-Dill-Bergland (Gladenbacher Bergland) aufgewachsen…mit Hang nach Norddeutschland und Irland und Schottland (von Kindheit an): Sie waren für mich stets ein Inbegriff Hamburgs (wo ich Verwandte habe – gut, die wohnten jahrelang weiter oben im Kehdinger Land, nun leben sie nahe ihrer Tochter, meiner Cousine, in der Speicherstadt) – wie überrascht war ich eines Tages, als ich erfuhr, daß Sie ja gebürtiger Österreicher, gar Wiener sind (und welch Zufall – in Wien habe ich ebenfalls Verwandte; eine der hübschen Töchter meiner selbst sehr hübschen Cousine lebt nun sogar in Antwerpen, einer weiteren Station Ihres bewegten Lebens…) – bei Heinz Reincke lief das umgekehrt: Den zog es aus dem heimischen Norden nach felix Austria…

    Eine Schwäche hab ich für beide Richtungen, doch meine Wahlheimat war ein Jahrzehnt lang Schottland, wo es mir aber – lange bevor man vom Brexit sprach, und wo man ja eher europafreundlich ist – leider nicht gelang, beruflich Fuß zu fassen… Ich bin gelernter Bibliothekar, jetzt arbeite ich in Marburg als Sprachlehrer: Deutsch und Englisch kann ich unterrichten, Gälisch (schottisches; irisches spreche ich aber auch recht fließend) habe ich schon unterrichtet – in freundlicher Affiliation mit der Keltologie der Universität Marburg. Tja, in Aberdeen hatte ich schon fast Wurzeln geschlagen, in Oban (Argyll) an der Westküste bin ich auch fast wie Zuhause, und Edinburgh war auch schön… Gewissermaßen lebte in Aberdeen auch der alte Geist der Hanse noch fort: Die Standbetreiber des dortigen deutschen Weihnachtsmarkts stammten stets aus Hamburg, und so konnte ich mich im Herzen der Granite City richtig schön über Sie, und den jüngeren Kollegen Jan Fedder, und das gute alte Großstadtrevier unterhalten, das ich ja schon seit „Ellen Wegener“ sehe, als auch die Döntjes aus Büttenwarder…

    Auch Irlands Westküste, das Land Ihrer Ahnen väterlicherseits – der Uí Cuinn – ist eine Zweitheimat von mir, vor allem Connemara, aber auch Donegal (Tír Chonaill), wo das Gälische schon an die nahe schottische Spielart der Sprache anklingt. Tja, so ist das – jahrelang war ich mir nicht sicher, ob der Name „Quinn“ nun echt irisch, oder nur ein Künstlername war, mittlerweile weiß ich, daß Sie tatsächlich teilweise irischer Herkunft sind: Dabei hatte ja schon weiland Maria Theresia irische Offiziere in ihren Diensten, aus den Reihen der „Wildgänse“, der nach der Niederlage der Jakobiten an der Boyne geflüchteten irischen Adligen; und schon zuvor während des Dreißigjährigen Krieges dienten irische und katholische schottische Clansleute in Habsburgs Heeren in Böhmen und Spanien, z.B. Somhairle MacDhòmhnaill aus den MacDonnells von Antrim, des irischen Zweigs des großen Clan Donald von den Inseln, ein Poet und Soldat, und Patron der Verfasser des Duanaire Finn, inhaltlich und von der Herkunft her verwandt mit einem zu Gießen aufbewahrten gälischen Manuskript aus dem 17. Jh., da jenes im gleichen irischen Franziskanerkonvent zu Löwen in Brabant verfasst wurde.

    Nun, ich möchte Sie jetzt nicht weiter mit Spezialwissen bombardieren, doch ich bin eben mal Gälohesse, das kommt immer mal raus – ein gälisierter, gelehrter Hillbilly aus dem hessischen Bergland, der auch in Sachen guter, traditioneller Country Music im ländlichen Irland und Schottland viel mehr Gleichgesinnte hat, als zuhause in Hessen; dabei gibt es hier noch so manche, doch nicht so viele wie im Hamburger Chattahoochee, oder wo mein lieber Emsländer Freund Hermann „the German“ Lammers Meyer sonst noch so spielt im schönen Norden – it’s still Country time up north, just without Freddy, sadly… und wenn ich nicht gerade Hermanns Radioprogramm höre, op dütsch oder engelsch, dann höre ich Country-Sendungen von RTÉ Rádió na Gaeltachta, BBC Alba oder frankokanadischen Kanälen. Die schönen AFN-Sendungen meiner früheren Jugend gibt’s ja hier nun nicht mehr….

    Sie mögen der Generation meines Vaters entstammen, doch Sie waren auch ein Teil meiner Jugend, den ich nicht missen möchte – das Gleiche gilt für meinen Vater, der Ihre großen Schlager noch als junger Spund erlebt hat, als er auf Baustellen jobbte, ehe er Pharmazie studieren konnte. Und während ich in Schottland lebte, dachte meine Mutter oftmals: „Junge, komm bald wieder…“ Ich habe mit meiner eigenen Generation nicht sehr viel Interessen gemeinsam, musikalisch wie weltanschaulich, und ich teile Ihre Ansichten zu den 68ern. Ach sin scéal eile – das ist eine andere Geschichte, wie man in Connemara und andernorts in der Gaeltacht sagt – und soll ein andermal erzählt werden.

    So, för’n Hamburger Jung heff ik nu all to veel sabbelt.

    Alles Gute und noch viele schöne Tage,

    Axel Koehler

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